Projekt: Tarodunum/Zarten

Tarodunum/Zarten - 2000 Jahre Kontinuität

Schon in der Antike, vor ungefähr 2000 Jahren, erwähnt der griechische Geograph Klaudios Ptolemaios eine bedeutende rechtsrheinische Siedlung nördlich der Alpen und bezeichnet sie mit dem keltischen Namen 'Tarodunum'. Dieser Name wird offensichtlich auch nach dem Ende der keltischen Besiedlung weiterhin gebraucht und erscheint als 'Zarduna' im Jahre 765 in einer frühmittelalterlichen Urkunde. Letztlich hat sich der auf die keltische Ortsbezeichnung zurückgehende Wortstamm bis heute im Gemeindenamen 'Zarten' erhalten.

Tarodunum - ein spätkeltisches Oppidum?

Die ältere historische und archäologische Forschung brachte den Namen Tarodunum sehr früh mit den auch heute noch sichtbaren Wallresten des 'Heidengrabens' in Verbindung, einer spätkeltischen Befestigung, die sich zwischen Rotbach und Wagensteigbach auf Gemarkung der Gemeinden Kirchzarten und Buchenbach (Lkr. Breisgau-Hochschwarzwald, Baden-Württemberg) erhalten hat. Auch nach intensiven Geländebegehungen und mehrfachen Grabungen an und in der Wallanlage des nach Caesar so bezeichneten 'Oppidums' konnten jedoch keine Spuren einer längeren spätkeltischen Besiedlung innerhalb der Befestigung entdeckt werden. Es wurde daher vermutet, dass es sich um ein Refugium, einen Zufluchtsort der Bevölkerung in Zeiten der Not gehandelt haben könnte. Würde eine solche temporäre Funktion jedoch eine Nennung in der geographischen Weltbeschreibung des Griechen Ptolemaios rechtfertigen? Zudem konnte 1987 in einer Ausgrabung des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg nachgewiesen werden, dass die mächtige östliche, in murus gallicus-Technik errichtete Mauer nicht fertiggestellt und ihr Bau wohl recht abrupt abgebrochen wurde.

Ein freier Platz im Zentrum

Im Bereich der ca. 420 m² großen Grabungsfläche des Sommers 2004 wurde eine Stratifizierung angetroffen, die es erlaubt, das Aussehen und die infrastrukturelle Gliederung des Siedlungskernes zu rekonstruieren: Unterhalb des nur ca. 20 cm mächtigen Pflughorizontes zeichnete sich im gesamten Bereich der aufgedeckten Fläche eine starke Konzentration faust- bis kopfgroßer Kiesel ab, die nicht als natürliches Phänomen entstanden sein kann. Da im Bereich dieser pflasterartigen Steinschicht der größte Teil der Fundobjekte entdeckt wurde, liegt eine Interpretation als eine von Menschenhand geschaffene und genutzte Struktur nahe. Vergleichsbeispiele in zahlreichen spätlatènezeitlichen Siedlungen weisen darauf hin, dass es sich auch in Tarodunum um einen geschotterten Weg oder - was aufgrund der Ausdehnung der Kiesschicht wahrscheinlicher ist - einen freien Platz im Siedlungszentrum gehandelt hat. Möglicherweise diente eine solche Freifläche als Versammlungs- oder Marktplatz; in die Schotterung eingetretene Münzen könnten durchaus im geschäftigen Treiben eines Markttages verloren worden sein.

Handwerk und Handel im Zeichen neuer Funde

 Schon bevor das Projekt 'Tarodunum' der Universität Tübingen erste zentrale archäologische Ausgrabungen durchführte, konnten anhand der geborgenen Lesefunde wichtige Aussagen zur wirtschaftlichen Bedeutung der Siedlung getroffen werden. Als herausragend kann dabei der Nachweis einer spätlatènezeitlichen Münzstätte in Tarodunum bezeichnet werden. Anhand von Fundmünzen, Münzrohlingen (sogenannten Schrötlingen) und Rohmetallresten sowie deren archäometallurgischer und geochemischer Analyse konnte die gesamte Produktionskette vom Rohmetall bis zur fertigen Münze rekonstruiert werden.
  Unter den Münzfunden der Kampagne 2004 sticht ein silbernes Exemplar heraus, das sich bislang keinem Münztyp zuordnen läßt und ein Unikat darstellt. Ob auch hier mit einer lokalen Produktion zu rechnen ist, kann momentan nicht gesagt werden.
Zahlreiche Fragmente von römischen Amphoren, in denen Wein aus Italien in den Norden transportiert wurde, belegen die in antiker Zeit sprichwörtliche keltische Vorliebe für den 'Göttertrunk', zeigen jedoch gleichzeitig auch das Netz weitreichender Handelskontakte, in das die Siedlung Tarodunum integriert war.
Reste von Eisenschlacken könnten auf mögliche Tauschwerte hindeuten, die der Siedlung zu Wohlstand und Reichtum verholfen haben. Man nimmt an, dass ein wirtschaftlicher Haupterwerbszweig der Einwohner von Tarodunum die Verhüttung und Weiterverarbeitung von Eisenerzen war, die im nahegelegenen Schwarzwald abgebaut wurden. Schmiedewerkzeuge belegen weitere Aktivitäten im metallurgischen Sektor, der zweifelsohne auch die Bearbeitung von Buntmetall - Kupfer und Bronze - mit einschloss.

Tarodunum - ein spätkeltisches Wirtschaftszentrum

Handel und Handwerk, Austausch und Produktion zeigen, dass am Ausgang des letzten vorchristlichen Jahrtausends auf dem Gebiet des heutigen Kirchzarten eine Großsiedlung überregionaler Bedeutung existierte. Sie war Zentrum des direkten Umlandes, ihre Bewohner hatten jedoch auch weitreichendere Kontakte, die - eventuell über Mittelsmänner - bis in den europäischen Süden reichten. Dass Nachrichten über den Ort bis zum griechischen Gelehrten Ptolemaios gelangten ist ein eindrucksvolles Zeugnis für die wirtschaftliche Prosperität und vielleicht auch den politischen Einfluss des spätkeltischen Zentralortes Tarodunum.

Literatur

Burkhardt, A. et al.: Keltische Münzen aus latènezeitlichen Siedlungen des Breisgaus. Numismatische, geochemische und archäometallturgische Untersuchungen. Fundber. Baden-Württemberg 27, 2003, 281-439.
Dehn, R.: Neues zu Tarodunum, Gemeinde Kirchzarten, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 1998, 113-115.
Wagner, H.: Die latènezeitliche Siedlung von Zarten (Tarodunum) und die Besiedlung des Zartener Beckens. Germania 79/1, 2001, 1-20.
Wendling, H.: Neues aus Tarodunum. Ausgrabungen in der mittel- und spätlatènezeitlichen Großsiedlung von Kirchzarten-Zarten "Rotacker", Krs. Breisgau-Hochschwarzwald. Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 2004.
Wendling, H.: Unikat aus Tarodunum (erscheint in 'Archäologie in Deutschland').

Kontakt

Projektleitung: Prof. M.K.H. Eggert

Wiss. Mitarbeiter: Holger Wendling M.A.
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
Abteilung für Jüngere Urgeschichte und Frühgeschichte
Schloss Hohentübingen
72070 Tübingen