Das kupferzeitliche Gräberfeld Varna I

Abb. 1: Gräberfeld Varna I. Widder-Applikationen aus Grab 36.
Abb. 2: Plan des Gräberfeldes (Slavchev 2010, 9-10).
Abb. 3: Gräberfeld Varna I. Funde aus „Grab 1“ (Photo K. Dimitrov).

Das Gräberfeld von Varna I wurde im Jahre 1972 zufällig beim Ausbaggern eines Kabelkanals im westlichen Industriegebiet der Hafenstadt entdeckt (Ivanov 1975, 1). Mit den Freilegungsarbeiten wurde der Kustos für Prähistorische Archäologie und spätere Direktor des Museums in Varna, Ivan Ivanov, betraut, die er bis 1986 fortführte. Bislang sind lediglich 36 Gräber in verschiedenen Einzelartikeln veröffentlicht worden, die etwa 12% aller bei Varna aufgedeckten Gräber ausmachen (Ivanov 1975; Ivanov 1978; 1988; 1991; Ivanov/Avramova 2000). Offenkundig ist der Platz bei weitem noch nicht vollständig freigelegt worden. Allein der Blick auf den veröffentlichten Gräberplan offenbart, dass sich der Bestattungsplatz im Südwesten, Nordosten und Norden fortsetzt. Eine Grenze der Belegung scheint lediglich im Süden und vielleicht im Nordwesten bei den Grabungen erreicht worden zu sein. 

Eine weiterführende Bearbeitung der Funde war lange Zeit nicht möglich, da Ivanov 2001 unerwartet verstarb. Eine vollständige Endpublikation wird von Dr. Vladimir Slavčev (Historisches Regionalmuseum Varna) vorbereitet (Slavchev 2010), der dafür seit Mai 2008 mit einem Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung in Berlin an der Eurasien-Abteilung des DAI weilt. Die Arbeiten der Universität Tübingen stehen im Zusammenhang mit der abschließenden Veröffentlichung und sollen die zwei wichtigsten, bislang weitgehend unbearbeiteten Fundgruppen des Bestattungsplatzes untersuchen – die menschlichen Überreste der Bestattungen und die Goldgegenstände. Kulturgeschichtlich gehören die reichen Bestattungsplätze der Küstenzone zum Kodžadermen–Gumelniţa–Karanovo VI Komplex (KGK VI), der sich in der zweiten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrtausends vom Donaudelta bis an den Nordrand des Rhodopengebirges erstreckte. Bemühungen Todorovas, über die Grabfunde eine eigenständige Varna-Kultur zu definieren (Todorova 1986), sind von der späteren Forschung weitgehend ignoriert worden. 

Ein eigenes Gepräge zeigt die Küstengruppe in der Art der Grablegung, indem die männlichen Bestattungen, in Abgrenzung zu den in seitlicher Hockerstellung gelagerten Frauen, überwiegend als Rückenstrecker beigesetzt wurden. Im Landesinneren sind dagegen Männer wie Frauen als seitliche Hocker bestattet worden (Todorova 1982; Lichter 2001). Alle weiteren Kriterien, die insbesondere die materielle Kultur betreffen, sind dagegen weniger tauglich, die Varna-Gruppe aus dem KGK VI-Verband herauszulösen, da es sich auch im globalen Vergleich um herausragende Bestattungen handelt, die offenkundig anders als gewöhnliche Individuen ihres regionalen und zeitlichen Raumes behandelt wurden. 

Die bislang ausschnitthafte Veröffentlichung einzelner Grabkomplexe ließ in der Vergangenheit den Eindruck entstehen, die meisten der besonders reich mit Gold ausgestatteten Gräber des Gräberfeldes seien sogenannte Kenotaphe, d.h. Gräber ohne erkennbare Bestattungen jedoch mit Beigaben. Bereits jetzt zeigt die kritische Überprüfung der Grabungsdokumentation allerdings ein grundlegend anderes Bild. Bei vielen dieser Scheinbestattungen handelt es sich um im Nachhinein zusammengezogene Fundkomplexe. Bestes Beispiel dafür ist das sog. Grab 1, ein besonders reicher Komplex (ohne Bestattung), der als erstes zufällig bei den Arbeiten am Kabelkanal aufgedeckt wurde. Ihm wurden im Nachhinein mehrere Einzelfunde und ganze Fundkomplexe, die ebenfalls entlang der Kabeltrasse aufgedeckt wurden, zugewiesen, obwohl kein stratigraphischer Zusammenhang zwischen den Einzelbefunden bestand. Bei weiteren „Kenotaphen“ handelt es sich um Körperbestattungen, bei denen die Skelettreste soweit vergangen waren, dass sie nicht in die Rekonstruktion der Grablegungen aufgenommen wurden. In den meisten Fällen handelt es sich offenbar um Kinderbestattungen. Die Existenz von einigen tatsächlichen Scheingräbern, etwa die bekannten Fundkomplexe mit Tonmasken, wird damit aber keineswegs angezweifelt. 

R. Krauß