Statistische Auswertung des Gräberfeldes

K. Dimitrov und V. Slavchev im Museum Varna, März 2012

Durch die umfassende Bearbeitung der Funde und Erstellung von Materialkatalogen zu den einzelnen Fundgattungen ist es nun erstmals möglich geworden, eine interne Chronologie des Gräberfeldes von Varna zu erarbeiten. Ausgangsbasis einer der chronologischen Ordnung zugrundeliegenden statistischen Auswertung sind die von Kalin Dimitrov, Vladimir Slavčev, Olga Pelevina und weiteren bulgarischen Kollegen erarbeiteten Fundinventare des Bestattungsplatzes. Sämtliche bislang aufgenommenen Daten konnten im Wintersemester 2011/12 an der Eberhard Karls Universität Tübingen im Rahmen eines Statistikseminares von einer Gruppe Studierender in eine Datenbank eingegeben werden. Geleitet wurde die Lehrveranstaltung von Dr. Raiko Krauß und Jonas Abele.

Vorläufige Entwicklung des Gräberfeldes

Varna I. Horizontalstratigraphische Entwicklung des Gräberfeldes nach den Ergebnissen der statistischen Auswertung (Graphik D. Kirschenheuter)
Entwicklung der Metallbeigaben im Gräberfeld Varna I (Graphik R. Krauß)

Nach den vorläufigen Ergebnissen zeichnet sich eine fünfphasige Entwicklung des Bestattungsplatzes ab. Die Belegung beginnt im Norden und bleibt während der ersten drei Phasen auf diesen Bereich konzentriert. Auffällig ist eine zunächst relativ einheitliche Haltung der Bestatteten. Als Regel scheint die Bestattung in gestreckter Rückenlage oder gestreckter Seitenlage zu überwiegen. Regelrechte Hocker in stärker kontrahierter Position auf der rechten Seite erscheinen als seltene Ausnahme. Zu den regelhaften Beigaben der ersten Phase gehören Steindechsel und Steinbeile, Hacken aus Hirschgeweih, Gegenstände die als Werkzeuge, mindestens im Falle der Geweihhacken aber auch als Waffen angesprochen werden können. Der Werkstoff Kupfer ist in Varna von Anfang an vertreten, wird zunächst aber ausschließlich für Zier- und Schmuckgegenstände mit geringem Materialbedarf verwendet. Belegt sind vor allem kleine Blech- und Drahtgegenstände wie Fingerringe und kleinere Ringe und sehr selten bereits Armreife. Der Körperschmuck wird ansonsten von Spondylus-Armreifen und Spondylus-Perlen dominiert. Bereits in der Frühzeit der Belegung des Gräberfeldes begegnen die charakteristischen langen Feuersteinklingen.

Erst in der zweiten Belegungsphase treten erste Kupferschwergeräte auf, darunter schmale Pfrieme und die typologisch ältesten kupfernen Hammeräxte vom Typus Pločnik. Ein allmähliches Ablösen der Stein- und Geweihwaffen durch Geräte aus dem neuartigen Werkstoff Kupfer ist vor allem in dieser Phase gut greifbar. Weit überwiegend besteht die Ausstattung noch aus Steinbeilen, Steindechseln und Feuersteingerät zu denen die Kupferschwergeräte vereinzelt hinzutreten.

Ab der dritten Phase ist nicht nur die geschlossene Verbreitung der Gräber im Norden des Gräberfeldes bemerkenswert sondern auch die annähernd gleiche Verteilung auf Rückenstrecker und rechte Hocker. Neuartige Hammeräxte dieser Phase sind die grazileren Typen Vidra B und Varna A, hinzu treten erste Meißel. Auch kommen erst in dieser dritten Phase die ersten Goldgegenstände vor. Es handelt sich zunächst durchweg um kleine Gegenstände mit geringem Materialbedarf wie Lippenpflöcke, kleinere Perlen und die ersten Ringidole.

Mit der vierten Belegungsphase beginnt eine Tradition, größere Bestattungsareale mit symbolischen Gräbern zu umgrenzen und damit zu markieren. Als neuer Typ tritt bei den Kupferschwergeräten die Hammeraxt vom Typ Vidra A hinzu, außerdem Meißel der Varianten Varna A und B sowie echte Flachbeile. Die Goldmetallurgie erlebt einen ersten Höhepunkt mit Ketten aus zahlreichen Goldperlen sowie Besatzstücken auf den vergangenen Gewändern und Buckelidolen. Erstmals tritt nun Schmuck aus Dentaliumperlen auf und löst allmählich den älteren Schmuck aus Spondylus ab.

Die Bestattungen der fünften und letzten Belegungsphase konzentrieren sich deutlich am südlichen Rand des Gräberfeldes. Bei den Körpergräbern zeichnet sich eine Verfestigung des Rituals ab, da ausschließlich Rückenstrecker und rechte Hocker belegt sind. Aufgrund der unsicheren anthropologischen Ansprache kann keine endgültige Aussage zugunsten einer geschlechtsdifferenzierenden Bedeutung dieser Bipolarität getroffen werden. Bestimmende Kupferschwergeräte der Schlußphase von Varna sind die Hammeraxt-Typen Devnja A, B und C, die ganz an das Ende der typologischen Reihe der Hammeräxte zu stellen sind. An die Stelle der alten Hacken aus Hirschgeweih tritt als deren moderne Umformung eine in Varna singulär belegte Pickelaxt. Bezeichnenderweise ist diese Waffe zusammen mit der einzigen in Phase fünf belegten Geweihhacke im symbolischen Grab 4 deponiert worden.

Grab 43

Aufnahme von der Freilegung des Grabes 43

Am Beginn der finalen Phase steht das bekannte Grab 43 in dem ein ausgewachsener Mann mit sehr reichen Beigaben bestattet wurde. Seine Ausstattung enthält einerseits Elemente der älteren Phasen aber gleichzeitig ganz neuartige Gegenstände und vor allem neue Typen von Goldgegenständen. Als älteres Element anzusehen ist etwa die kupferne Hammeraxt vom Typus Pločnik, die in unserer Seriation überhaupt als letzter Vertreter dieser Serie auftaucht. Auch der Spondylus-Schmuck verweist auf die älteren Phasen und läuft nun allmählich aus. An seine Stelle tritt nun vollständig Dentalium-Schmuck, der ebenfalls in Grab 43 belegt ist. Als neue Elemente dieser Phase anzusehen sind vor allem zahlreiche Typen von Goldgegenständen wie etwa Buckelidole, runde Applikationen sowie Beschläge und Tüllen für das im Grab zu rekonstruierende Zeremonialgerät. Die Persönlichkeit in Grab 43 trägt damit alte Insignien der Herrschaft, die einen genealogisch manifestierten Anspruch auf Macht anzeigt und neuere Elemente, die mit Blick auf die Entwicklung des Platzes als zeitgenössisch aufzufassen sind. Diese neueren Elemente begründen auch, warum Grab 43 an den Beginn der finalen Phase zu stellen ist, obwohl die vorangehende, vierte Phase in gewisser Weise die Herrschafts-, zumindest aber die Lebenszeit des Mannes darstellt.

Symbolische Bestattungen

Zu den bemerkenswertesten Komplexen an diesem ungewöhnlichen Bestattungsplatz gehören symbolische Bestattungen ohne menschliche Überreste. Die chronologische Auflösung der einzelnen Belegungsphasen offenbart, daß sich die besonders reichen Deponierungen mit Metallwaffen und großen Ansammlungen von Goldgegenständen in der letzten Phase des Gräberfeldes konzentrieren. Eine Kartierung der Depots auf der Fläche zeigt deren Reihung am äußersten südöstlichen Rand des Bestattungsareales. Somit bilden die Deponierungen einen territorialen Abschluß des Gräberfeldes und grenzen es rituell gegen die Außenwelt ab. Wahrscheinlich in gewissem zeitlichen Abstand innerhalb dieser letzten Phase, aber mit dem Wissen um die Lage der übrigen Depots sukzessive angelegt, sind sie  Beleg für ein intensives Ritualverhalten am Rande des Ortes für die Toten. Mit der Anlage dieser Depots wird der Bestattungsplatz sakralisiert und gegen das Profane Umland abgegrenzt. Ähnlich einem Grabenwerk wurden entlang der Grenzlinie bei verschiedenen Ritualen Fundensembles deponiert, die jeweils als reale Ausstattung für eine Person gesehen werden können. Diese Personifizierung der Depots wird klarer verständlich bei den Komplexen 2, 3 und 15 in denen jeweils eine etwa halblebensgroße Figur mit aus Ton modelliertem Kopf und den dazugehörigen Beigaben deponiert wurde. Möglicherweise handelt es sich um einen durch diese eng beieinander angelegten Komplexe besonders markierten Zugangsbereich zum Gräberfeld.

 

R. Krauß